Jugendzentrum Hagenbach

Jugendzentrum Hagenbach Sven Lang, Dipl.-Päd.: Begünstigung multikultureller Strukturen im Alltag

Im Jugendzentrum Hagenbach wird keine gesonderte Randgruppenintegration geleistet:
Ein Grundsatz unserer Einrichtung ist, daß jeder Jugendliche grundsätzlich so genommen und gewürdigt werden soll, wie er ist. Erfahrene Würdigung der eigenen Person bildet einen Grundstein dafür, Andere würdigen zu können. Eine starke soziale Kompetenz und Selbstsicherheit verringert die Empfänglichkeit für fremdenfeindliches Gedankengut.

Das Individuum steht mit seinen Fähigkeiten und Eigenschaften im Mittelpunkt des Interesses:
Natürlich gibt es bestimmte Handlungsstrukturen und Verhaltensweisen, welche bei einzelnen ethnischen Gruppen als Charakteristikum auftreten, wie etwa eine ausgeprägte Loyalität bei türkischen Jugendlichen u.ä. Diese Eigenschaften werden aber bei jedem Einzelnen für sich genommen, als individuelle Eigenschaft. Wie diese vermittelt und geprägt wurde (z.B. kulturell), ist zweitrangig.

Der gesamte Arbeitsansatz des Jugendzentrums ist stark situations- und bedürfnisorientiert. Beides Voraussetzungen für Gewaltprävention und Integration.
Einzelne Punkte der Konzeption haben daher zwangsläufig eine integrative, sowie gewaltpräventive Wirkung und werden im Folgenden dargestellt und erläutert:

1. Orientierung an Handlungsstrukturen und subjektiven Einstellungen bzw. subjektiven Theorien
Jeder Jugendliche handelt nach eigenen individuellen Motivationsmustern. Maßnahmen der Intervention und der Prävention müssen sich an diesen Mustern bzw. Handlungsstrukturen orientieren und in sie hineinpassen, um angenommen zu werden. Ermittelt werden könne diese Strukturen im Rahmen der Bezugsarbeit. Dabei vertrete ich eine Form sehr konfrontativer Pädagogik, da meine praktischen Erfahrungen zeigen, daß oftmals besondere Anforderungen oder extreme Situationen notwendig sind um verschiedene Strukturen zu offenbaren. (Anm.: Die Ermittlung subjektiver Theorien und deren Umsetzung in der Praxis sind Gegenstand einer Praxisstudie im Jugendzentrum)

2. Regeln der Gruppenstrukturen beachten
Jede, der verschiedenen Gruppen der Einrichtung hat interne, informelle Regeln. Diese Regeln fungieren als Handlungsdirektiven für die einzelnen Mitglieder und bilden eine Ergänzung zu gesellschaftlichen Normen. Die Kenntnis dieser Regeln erleichtert die Beziehungsarbeit und somit die Möglichkeit der pädagogischen Einwirkung.

3. Ansatz der Arbeit über die Gruppenhierarchie
Die headquarters und hard-core -mitglieder, festen Mitglieder und Mitläufer in jeder Gruppe werden ermittelt. Die pädagogische Arbeit kann sich diese Strukturen zunutze machen. Oft ist eine direkte Einwirkung auf einen Jugendlichen nicht sofort möglich. In solchen Fällen kann es von Nutzen sein, über eine dritte Person, mit entsprechenden Einfluß, die notwendige Beziehung zu initiieren.
(...)

Bei den Punkten 1 und 2 kommen kulturelle Besonderheiten am stärksten zum Tragen. Daher können verschiedene Vorgehensweise der pädagogischen Arbeit einzelnen ethnischen Gruppen zugeordnet werden.
Besonders bei türkischen Jugendlichen bestimmt das erziehungsbedingte Verhältnis zu Autoritäten, der ausgeprägte Nationalstolz und eine ausgeprägte Loyalität die Arbeit der Jugendpflege.
Punkt 3 ist zwar stärker auf die Gewaltprävention ausgerichtet, aber die Hierarchie der Gruppenstruktur (bei Subgruppen) kann im Rahmen der notwendigen Beziehungsarbeit auch zur Integration, besonders Jüngerer, genutzt werden.

...(gekürzt von der Redaktion)...

Ein Motto der des Jugendzentrums lautet, daß jeder mit demselben „Punktestand“ auf der Rangskala startet. Im Laufe der Zeit gewinnen Einzelne mit Engagement für die Einrichtung Punkte dazu. Die jeweilige Stellung in der Gruppe wird also rein durch das Verhalten und die Leistung im Bezug auf das Jugendzentrum erreicht. Für Jugendliche, die außerhalb der Einrichtung mit Benachteiligungen zu kämpfen haben, bietet sich dadurch die Gelegenheit, sich zu geben, wie sie sind, ohne voreingenommen bewertet zu werden.
Die Bewertung der Leistung soll individuell verschieden ausfallen, immer gemessen an den eigenen Fähigkeiten und nicht im Vergleich zu Anderen.
Auf diesem Weg wird mit dem Jugendzentrum eine Art neutraler Zone geschaffen, in der die Jugendlichen Selbstbestätigung und Würdigung ihrer Fähigkeiten erfahren.

Weitere Punkte sind:

4. Auf kulturelle Hintergründe der Jugendlichen wird grundsätzlich Rücksicht genommen - aber als eine Selbstverständlichkeit. Wenn bei einem Grillfest kein Schweinefleisch eingekauft wird, dann aus Rücksicht darauf, daß einzelne Jugendliche keine Schweinefleisch essen und nicht, weil die Türken das nicht essen dürfen.

5. Ehrliches Interesse für die Kultur der ausländischen Jugendlichen entsteht durch den professionellen Anspruch, Denkstrukturen und Handlungsmotivationen jedes Jugendlichen nachvollziehen zu können (jedenfalls soweit wie möglich). Daraus ergab sich auch das ansatzweise Erlernen der jeweiligen Sprachen (z.B. russisch oder türkisch).
Dieselben Vorgänge des Verstehens vollziehen sich auch bei Jugendlichen deutscher Herkunft, nur ist der Prozeß situativ geprägt und in Einzelfällen unterscheidet sich der Verlauf.

6. Unterschiedliche Erlebniswelten — nach Gemeinsamkeiten suchen.
Wie Jugendliche Diskriminierungen erleben, kann niemals komplett nachvollzogen werden. Es hilft aber, selbst erlebte Ausgrenzungen darzustellen und mit den Jugendlichen zu reflektieren. Dadurch entsteht ein Konsens zwischen beiden Erlebniswelten, der als Basis zur Beziehungsarbeit genutzt.

...(gekürzt von der Redaktion)...

Zusammenfassend kann man herausstellen, daß die generelle Würdigung jedes Einzelnen ohne Blick auf die Herkunft, den Grundstein der Jugendarbeit in Hagenbach bildet. Die einzelnen Subgruppen innerhalb der Einrichtung werden nach Möglichkeit unabhängig von ihrer ethnischen Zusammensetzung betrachtet.

Integration soll alltäglich gelebt werden!